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Tinnitus - Retraining

NATURHEILKUNDLICHER  ANSATZ

Unsere Themen rund um den Tinnitus:

Tinnitus - Übersicht:
Tinnitus:
Die Tinnitus - Retraining-Therapie in der Behandlung des chronischen Tinnitus
Tinnitus: Ganzheitliche Behandlung von Tinnitus 
Tinnitus: Ein psychosomatischer Themenkomplex, 
Tinnitus
: Tinnitus-Retraining - Naturheilkundlicher Ansatz
Tinnitus-Diagnostik
: Diagnostik bei Tinnitus 

Als Tinnitus bezeichnet man alle Formen von Ohrgeräuschen, die ein Mensch hört, ohne dass ein äußeres Schallsignal vorliegt. Viele Patienten kennen Ohrgeräusche, denn Ohrgeräusche treten eigentlich bei allen Menschen spontan und für kurze Zeit auf. Von Tinnitus (lat. tinnere = klingen), spricht man erst, wenn die Ohrgeräusche regelmäßig, oder auch über einen längeren Zeitraum auftreten. Häufig verbinden sich diese Ohrgeräusche mit seelischen Lebensbeeinträchtigungen. Am häufigsten gehören hierzu Schlafstörungen, Unausgeglichenheit, Aggressivität, mangelnde körperliche und seelische Belastbarkeit, sowie Depressionen. In solchen Fällen spricht der Mediziner vom chronisch-komplexen Tinnitus.  

Tinnitus ist - zumindest in der Anfangsphase - ein Krankheitssymptom. Dieses Symptom ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass im körperlichen und/oder seelischen Bereich irgend etwas vorhanden ist, was stört oder beeinträchtigt und somit krank macht. Viele Betroffene sind dieser Situation hilflos ausgeliefert. Die Geräusche im Kopf verwirren sie und machen ihnen Angst. Unterstützt wird die Angst vor den Ohrgeräuschen durch teilweise absurde Behauptungen der Laienpresse ( z. B. „Schlaganfall/Infarkt des Innenohrs“ ), aber auch den unzureichenden Informationsstand von Betroffenen - und manchmal ärztliche Fehlinformationen ("Damit müssen Sie leben“).

Auch die immer noch weit verbreitete (falsche) Vorstellung, die Verantwortung für die eigene Gesundheit beim Arzt abgeben zu können, trägt zur Verbreitung des chronischen Tinnitus bei. Durch eine sorgfältige und einfühlsame Information sowie eine sachgerechte Diagnostik, kann den Befürchtungen der Betroffenen, in den allermeisten Fällen, jedoch schnell entgegengewirkt werden. 

13 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Tinnitus

Nach neuesten Untersuchungen sind etwa 17 % der Bevölkerung betroffen. In der Statistik geben 30% der über 65jährigen Patienten an, unter Tinnitus zu leiden. Insgesamt bedeutet das, dass etwa 13 Millionen Menschen in Deutschland von dem Phänomen Tinnitus betroffen sind. Weiterhin gehen die Untersuchungen davon aus, dass etwa 1 Million Menschen in Deutschland so stark unter Tinnitus leiden, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ein normales Leben zu führen. Mit steigendem Lebensalter steigt auch der Anteil an Betroffenen.

Um das 50. Lebensjahr erreicht die Verteilung des Tinnitus, ihren Höhepunkt. Ursachen hierfür sind der berufliche Stress, eine allgemeine Krise in der Lebensmitte
(Midlife crisis), sowie allgemeine Alterungsprozesse, aber auch Lärmschwerhörigkeit.  

Ganz klar muss man jedoch hierzu sagen, dass Tinnitus keine Alterserscheinung ist, die man einfach so hinzunehmen hat. Tinnitus kommt immer öfter schon in jungen Jahren vor: Bei Jugendlichen beträgt er bereits 5 -10 % mit deutlich steigender Tendenz. Die Schäden, die sich Jugendliche in ihrem Freizeitverhalten mit Disco, Walkman, Rap Musik und allgemeinem Lärm zufügen, können sie in der Regel für das Erwachsenenalter noch gar nicht überblicken. Von Seiten der Ärzte wäre hier eine Hördisziplin zu fordern, die den Kindern ebenso nachhaltig vermittelt werden müsste, wie die Zahnhygiene.  

Scheinbar gibt es jedoch auch bestimmte Berufsgruppen, die besonders gefährdet erscheinen. So konnte die Deutsche Tinnitus - Liga veröffentlichen, dass bei Arbeitern und Lehrern Ohrgeräusche auffallend häufiger vorkommen, als bei Angestellten.

Lärmschäden nehmen neuerdings die 1. Stelle unter den anerkannten Berufskrankheiten ein und diese Lärmschäden sind oft mit quälendem Tinnitus verbunden. Jeder Patient erlebt seinen eigenen Tinnitus, sein eigenes Ohrgeräusch, ganz für sich alleine. Beschrieben werden Ohrgeräusche wie Pfeifen, Rauschen, Summen, Zischen, Hämmern, Krachen, Klopfen oder Klingeln. Diese Geräusche können in einem Ohr, in beiden Ohren oder auch im ganzen Kopf vorkommen. Manchmal treten sogar mehrere Ohrgeräusche nebeneinander auf.  

Wie entsteht Tinnitus?  

In der Literatur finden sich 400 mögliche Ursachen und Kombinationen für die Entstehung eines Ohrgeräusches. Nicht immer liegt die Ursache für die Entstehung des Ohrgeräusches jedoch im Ohr. Die folgende Zusammenstellung ist der Tinnitus - Info der Deutschen Tinnitus - Liga entnommen:  

  • Lärmschaden/Knalltrauma
    Eine häufige Ursache von Geräuschen (bis zu 30 %) ist eine Schädigung der feinen Haarzellen durch Lärm oder Knall. Dazu zählen vor allem die Freizeitmusik bei Jugendlichen und der Lärm am Arbeitsplatz. Beim Knalltrauma kann bei sofortiger Akutbehandlung unter Einschluss der HBO -Therapie (Hyperbahre Sauerstofftherapie, durchgeführt in Sauerstoffüberdruckkammern) nahezu immer eine Heilung erfolgen.

  • Durchblutungsstörungen
    Von ärztlicher Seite werden am häufigsten Durchblutungsstörungen als Hauptursache angenommen und der Behandlung zunächst zugrunde gelegt. Die erste Verdachtsdiagnose sollte durch eine möglichst frühzeitige sorgfältige Diagnostik abgelöst werden. Nur so kann man entsprechend dem Symptomcharakter des Tinnitus seine sehr unterschiedlichen Ursachen feststellen und möglichst beheben. Es gilt der Grundsatz: Je früher, desto besser.

  • Hörsturz
    Unter Hörsturz versteht man einen plötzlichen Verlust des Gehörs oder eine plötzliche Hörminderung, meist begrenzt auf ein Ohr. Häufig ist dieser von Ohrgeräuschen und seltener auch von Schwindel begleitet. Man nimmt aufgrund zahlreicher Studien an, dass sich der Hörsturz in vielen Fällen von selbst wieder behebt (Spontanheilung). Oft bleibt aber ein Ohrgeräusch und/ oder ein Hörverlust zurück.

  • Halswirbelsäulenerkrankungen
    Veränderungen und funktionelle Blockierungen der Halswirbelsäule (HWS) können zu Ohrgeräuschen führen oder sie verstärken. Neuerdings erleben wir das auch häufig als Folge eines unfallbedingten Schleudertraumas.


  • Z
    ahn-Kiefer-Bereich

    Kieferfehlstellungen, Zahnextraktionen, Zahnfüllungen, Zähneknirschen usw. können unterstützende Ursachen des Tinnitus sein.

  • Presbyakusis
    Presbyakusis meint das Nachlassen der Hörfähigkeit im vorgerückten Alter. Hohes Alter ist aber nicht unbedingt mit einem Rückgang der Hörfähigkeit verbunden und verminderte Hörfähigkeit führt nicht unbedingt zu einem Tinnitus.

  • Akustikusneurinom
    Akustikusneurinom bezeichnet einen gutartigen Tumor am Hörnerv. Es macht sich nur durch einseitige Ohrgeräusche bemerkbar. Infolge eines Wachstums stellt es eine der wenigen gefährlichen Ursachen für Ohrgeräusche dar. Erfreulicherweise kommt es nur sehr selten vor. 

  • Morbus Menière
    Unter Morbus Menière versteht man einen anfallsweisen Drehschwindel. Dieser ist mit Schwerhörigkeit und einem Ohrgeräusch verbunden. Die Anfälle können selten bis häufig auftreten. Mit der Zeit bleibt ein Restgeschehen zurück, meistens in Form einer zunehmenden Schwerhörigkeit im Mittelohrbereich und einem Tinnitus.

Weitere Ursachen

Neben diesen hauptsächlichen Ursachen gibt es zahlreiche weitere denkbare Ursachen. Wir führen sie hier nur kurz auf:

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen, insbeson­dere Herz-Rhythmusstörungen;

  • Stoffwechselerkrankungen: Diabetes, Erhöhung der Blutfettwerte;

  • Nierenerkrankungen;

  • Störungen des Hormonhaushaltes:

  • Hypo- und Hyperthyreose, Störungen während der Menopause;

  • Verknöcherung des Übergangs des dritten Hörknöchelchens zum Innenohr (Otosklerose);

  • Chronische Mittelohrentzündungen, Tubenfunktionsstörungen;

  • Vergiftungen (Intoxikationen), insbesondere durch Medikamente wie Diuretika und einige Antibiotika sowie ASS (z. B. Aspirin); 

  • Schädel-Hirn-Trauma, Erkrankungen des Zentralen Nervensystems;

  • Narkosen, insbesondere Rückenmarknarkosen (Spinalanästhesie).

Eine umfangreiche und sorgfältige Diagnostik ist unerlässlich, ebenso die notwendigen bekannten Sofortmaßnahmen je nach Ursache, auf die hier aber nicht näher eingegangen werden kann.  

Tinnitus und der innere Filter  

Nach Befragungen empfinden ungefähr 85 % der Tinnitus - Patienten den Tinnitus bzw. die Ohrgeräusche nicht als aufdringlich, störend oder angsteinflößend. Dabei spielt die Qualität oder die Lautstärke, der Ohrgeräusche überhaupt keine Rolle. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass diejenigen, die den Tinnitus als störend empfinden, ihn auch als eine Bedrohung bewerten.

Jeder von uns kennt mehrere Lebenssituationen, in denen Geräusche (dauerhafte oder sehr laute) nach einer gewissen Zeit gar nicht mehr wahrgenommen werden. Wir überhören hier also die Geräusche. Offensichtlich hat unser Gehirn die Fähigkeit, bestimmte Geräusche zu unserem eigenen Nutzen einfach auszublenden, so z. B. das Brummen des Kühlschrankes, das Klappern der Gläser, das Brummen der Halogendeckenleuchte oder auch das Geräusch des Lüfterrades am Computer. Andererseits gibt es natürlich Geräusche, die wir niemals überhören, z. B. Polizeisirenen. Es gibt jedoch auch ganz leise Geräusche, die wir sehr wohl sofort wahrnehmen. Die Mütter kennen das Phänomen bereits, dass selbst kleinste, leiseste Regungen des Babys im Nebenzimmer wahrgenommen werden, während wesentlich lautere, aber für sie unwichtigere Geräusche überhört werden.

Ein erstmalig auftretendes Ohrgeräusch ist ein Signal, von dem ein Muster in unserem Speicher noch nicht vorhanden ist. Logischerweise kann es jetzt nicht zugeordnet werden. Dieses neue Erlebnis führt zu einer Änderung des bisher stabilen Zustandes, ein Unbehaglichkeitsgefühl stellt sich ein. Solange unser Hirn nicht in der Lage ist, eine ordentliche Bewertung dieses Geräusches durchzuführen, wird es den Tinnitus mit verständlichem Misstrauen betrachten.

Erst dann, wenn wir den Tinnitus wirklich deuten können und er seine angstmachenden Eigenschaften verliert, werden wir unsere Wahrnehmung vom Tinnitus ablenken können.  

Die negative Bewertung gibt dem Tinnitus die Kraft

Viele Menschen mit Tinnitus beklagen den Verlust der Stille, die man vorher eher als selbstverständlich genossen hat und erst im nachhinein so richtig zu schätzen weiß. Darüber hinaus erleben viele Patienten ihren Tinnitus als ziemlich bedrohlich, sie fürchten ihn und interpretieren ernsthafte Krankheiten hinein. Viele Menschen fürchten auch, dass ihr Tinnitus, ihr Ohrgeräusch, immer lauter wird, Ewigkeiten anhält, oder gar nicht mehr geheilt werden kann.

Das Eindringen des Tinnitus in das Gehirn, das Wegnehmen des "Rechtes auf Stille" begründet die Bedrohung mit der die Patienten den Tinnitus bzw. die Ohrgeräusche  erleben. So kommt es, dass der Tinnitus fortwährend Ruhe und Frieden des Patienten stören, die Konzentration bei der Arbeit beeinflussen kann und die eigentlich erholsamen Aktivitäten durch seine bloße Anwesenheit beeinträchtigt. Furcht, Angst, Zorn und Schuldgefühle sind sehr mächtige Emotionen, die die Aufmerksamkeit auf den Tinnitus nur noch erhöhen. Noch den Erfahrungen von Prof. Hazell und Prof. Jastreboff kann sich der Tinnitus bessern, wenn der Patient diese Gefühle über windet und aufhört, sich Gedanken über seinen Tinnitus und seine Ohrgeräusche zu machen.

Ziel der Tinnitus-Retraining-Therapie ist also die Entkopplung der Ohrgeräusche von den damit verbundenen negativen Gefühlen. Die Therapie bietet den Patienten auf mehreren Ebenen die Möglichkeit, das Tinnitus Geräusch in einer positiven Weise zu integrieren und bewusst damit leben zu lernen. Dies wird erreicht durch:

  • Information über die gesundheitlichen Konsequenzen;

  • Einstellung durch ein Geräuschgerät (sogenannte "Noiser"), mit dem der Patient lernt mit dem Tinnitus - Geräusch im Alltag zuleben;

  • Psychosomatische Therapie zur inneren Einstellungsänderung und Neubewertung der emotionalen Konsequenzen.

Die Tinnitus-Retraining-Therapie:  

Umschulen und Wiedererlernen

Die erfolgreiche Tinnitus Behandlung beruht auf dem Umschulen („retraining“) und dem Wiedererlernen. Sobald der Tinnitus, die für uns unheimliche Bedrohung verloren hat, beginnt er sich zu vermindern. Dabei spielt die Lautstärke des Ohrgeräusches erstaunlicherweise keine Rolle. In manchen Fällen wird der Tinnitus für einen längeren Zeitraum gar nicht mehr gehört. In vielen Fällen sind jedoch festgefügte Meinungen nur sehr schwer zu verändern und bedeuten somit für die Therapeuten und den Patienten harte Arbeit.  

Das unbewusste Hören zu schulen, Tinnitus als etwas zu akzeptieren, was natürlich vorkommt und was für uns nicht gleichbedeutend ist mit lebenslanger Folter und Verzweiflung weder Bedrohung noch Warnsignal, kann Monate, mitunter Jahre in Anspruch nehmen. Solch ein Retraining erfordert Fachleute eines multidisziplinären Teams mit viel Erfahrung und mit dem Willen zur Zusammenarbeit. Hier muss ganz klar und deutlich gesagt werden, dass die Retraining Therapie nicht aus dem bloßen Tragen eines Geräuschgerätes besteht, sondern sich der Erfolg erst später und durch das Zusammenwirken der einzelnen Komponenten und Therapeuten einstellen wird.  

Wann haben Sie das letzte Mal an einem knisternden Feuer gesessen, dem Rauschen der Blätter und dem Zwitschern der Vögel gelauscht oder den Wellen des Meeres zugehört?  

Die Tinnitus - Spezialisten Prof. Hazell und Prof. Jostreboff haben gezeigt, dass eine grundsätzliche Tinnitus „Bereitschaft“ in jedem Menschen vorhanden ist und durch zentrale Prozesse unseres Gehirnes unterdrückt werden kann. Der Tinnitus wird dann für uns wahrnehmbar, wenn diese hemmenden Systeme im Gehirn nicht mehr funktionieren. Während normalerweise unsere akustischen Filter körpereigene Geräusche (Schluckgeräusche, Strömungsgeräusch des Blutes etc.) herausfiltern und sie für uns "nicht wahrnehmbar werden", kann es im krankhaften Fall durch eine Störung dieser Filter zur Wahrnehmung der unterschiedlichsten Geräusche und Phänomene kommen. Diese falschen Geräusche werden als störend empfunden und wie vorhin erwähnt, mit einem negativen Charakter belegt.

Der Tinnitus als eine zentrale Verarbeitungsstörung von Höreindrücken in Verbindung mit negativen Gedanken und Impulsen aus dem sog. Limbischen System wird also am besten durch die Tinnitus – Retraining Therapie behandelt. Der neue therapeutische Ansatz aus diesen Vorstellungen resultiert daraus, dass eine Desensibilisierung dieser zentralen Vorgänge versucht wird. Die gestörte Filterfunktion unseres Hörsystems muss wiederhergestellt werden. Die akustische Wahrnehmung des Gehirnes muss von den Störgeräuschen abgekoppelt werden.

Die Tinnitus – Retraining -Therapie beinhaltet zunächst das Herausfinden der Gründe, die die Ohrgeräusche tatsächlich verursacht haben. Dies muss mit einer richtig durch geführten Untersuchung durch einen Hals-­Nasen-Ohren-Arzt beginnen. Der HNO­-Arzt soll dann in Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen (Hausarzt, Orthopäde, Zahnarzt, Kieferchirurg, Neurologe, Psychotherapeut, Psychologe) eine weitere Diagnostik der Ursachen der Ohrgeräusche durchführen. Erfahrungsgemäß treten Tinnitus und auch Hörkrise oft im Zusammenhang mit belastenden Lebenssituationen auf, wie beruflichen Konfliktsituationen, Trennungssituationen, angsterfüllten Situationen. Situationen, in denen die "emotionalen Filter" nicht mehr ausreichend funktionieren und es zu einer Dekompensation (Zusammenbruch) kommt. Dies geschieht häufig in Form eines Ohrgeräusches und/oder eines Hörsturzes.  

So wie wir normalerweise störende oder bedeutungslose Alltagsgeräusche einfach überhören können, so wird der Tinnitus nicht mehr hörbar, wenn wir ihm keine Aufmerksamkeit mehr schenken. 

     MITTEL UND WEGE AUS DEM TEUFELSKREIS DER OHRGERÄUSCHE  

Neben der Wiederherstellung der Filterfunktionen des Gehirns für Geräusche und Angstminderung ist es erforderlich, dem Patienten zu helfen, seine „emotionalen Filter" wiederherzustellen. Dazu dienen im wesentlichen tiefenpsychologische und verhaltenspsychologische Therapieverfahren. Anschließend ist die beruhigende Aufklärung des Patienten, was in seinem Ohr und Hirn vor sich geht, erforderlich. Sodann müssen in möglicherweise vielen Sitzungen Ängste abgebaut werden. Kognitive Methoden, um sich sein Leben selbst bewusst zu machen, müssen erarbeitet werden. Entspannungsübungen und Körperübungen müssen erlernt werden. Begleitend hierzu ist der Einsatz eines Geräuschgerätes (Noiser) unumgänglich.  

Hörtraining – Habituations - Training

Das neue Zauberwort der Tinnitus - Retrainig - Therapie heißt "Habituation" - Gewöhnung. Durch die TRT ( Tinnitus – Retraining – Therapie ), soll eine Gewöhnung an den Tinnitus erreicht werden. So wie wir normalerweise störende oder bedeutungslose Alltagsgeräusche einfach überhören können, so wird der Tinnitus nicht mehr hörbar, wenn wir ihm keine Aufmerksamkeit mehr schenken. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Ohrgeräusche, die unser Leben beeinträchtigen, in Wirklichkeit Naturgeräusche sind, die eigentlich aus unserem Ohr kommen und vielleicht schon ein Leben lang da waren, nun aber fälschlicherweise in unserem Gehirn als Bedrohung identifiziert werden. Durch das Habituations - Training wird der Tinnitus mit der Zeit dann leiser und verschwindet schließlich ganz, indem er zu einem Teil der Hintergrundgeräusche geworden ist.

Wichtig ist hier für den Patienten zunächst, dass er seine aktuelle Hörsituation überhaupt erfasst. In Übungen zur Hörwahrnehmung kann er lernen, den so genannten Störschall vom Nutzschall zu trennen. Das so genannte selektive Hören und auch das Richtungsführen kann verbessert oder neu erlernt werden. Daraus wiederum kann man sich Hilfen für Zeiten ableiten, in denen der Tinnitus besonders stark erscheint. Hier kann der Patient lernen, auf andere Geräusche zu hören, sich auf andere Geräusche zu konzentrieren. Wenn dies gelingt, erlebt der Patient eine positive Hörwahrnehmung und erkennt damit den wesentlichen Teil des Hörtrainings.  

Es wäre schön, wenn der Patient hier von seinem emotional negativ besetzten Tinnitus "herunterkommt" und einmal mehr die Schönheit von Naturgeräuschen erfährt.

Wann haben Sie das letzte Mal an einem knisternden Feuer gesessen oder einfach nur dem Rauschen der Blätter gelauscht? Wann haben Sie das letzte Mal das Plätschern eines Baches im Wald vernommen, das Zwitschern der Vögel oder einfach nur auf das Wasser geschaut, die Augen geschlossen und den Meereswellen zugehört? Versuchen Sie einmal, diese Frage kritisch für sich selbst zu beantworten.

Die Hörübungen sollten den Patienten dazu anregen, bewusster zu hören und sich gegen die alltäglichen Reizüberflutungen und die Unmengen an akustischem Müll unempfindlicher zu machen.

Nur ein geschultes Gehör kann wichtige von unwichtigen Dingen trennen und Störendes einfach überhören. Der Hörphilosoph Joachim E. Behrend hat uns hierzu einige interessante Ansichten in seinen Büchern hinterlassen.  

Geräuschfilter

Als "Noiser" bezeichnet man Geräuschgeräte, die ein so genanntes "Weißes Rauschen" erzeugen. Als Weißes Rauschen bezeichnet der Fachmann Geräusche, welche alle hörbaren Frequenzen in gleicher Lautstärke umfassen. Die Lautstärke des Rauschens kann am Noiser mit dem Regler eingestellt werden. Das von den Geräten produzierte Rauschen wird wegen seiner Gleichmäßigkeit nicht als störend oder alarmierend empfunden, es wirkt völlig neutral. Hier werden alle Kanäle unseres Hörsystems gleichmäßig beansprucht, so dass das Gehirn dieses Geräusch regelrecht ausblenden kann.

Beim Tinnitus fehlt diese Gleichmäßigkeit, der Tinnitus hat Spitzen in bestimmten Frequenzerbereichen und wirkt somit wie eine Alarmfarbe. Unser Gehirn wird regelrecht akustisch sensibilisiert. Ein gleichmäßiges Weißes Rauschen wird jedoch nicht als alarmierende Information gesehen, und es ist weder mit positiven noch mit negativen Gefühlen verknüpft.

Die modernen Rauschgeräte für die Tinnitus–Retraining-Therapie haben jedoch nichts gemein mit den bisher bekannten Tinnitus­ „Maskern“. Hier kommt den sog. Noisern eine völlig veränderte Rolle zu. Bei der klassischen Maskierung  wurde versucht, die Ohrgeräusche mit einer entsprechend hohen Lautstärke des Maskers völlig zuzudecken. Als Maskierungsgeräusche dienten hierzu meistens individuell ausgewählte Schmalbandgeräusche. Die Tinnitus Maskierung arbeitete mit einer Lautstärke, die über dem Tinnitus lag und ihn somit unhörbar machte. Das ist aber genau das, was wir nicht wollen! Tinnitus als Objekt der Schulung  (Gewöhnung) muss für das Gehirn hörbar bleiben, damit sich das Gehirn darauf einstellen kann.  Eine Gewöhnung an ein Ohrgeräusch ist dann nicht möglich, wenn es durch dessen Abwesenheit nicht wahrnehmbar ist. Der Einsatz der Rauschgeräte ist dagegen völlig anders gedacht. Hier wird die Lautstärke nur so hoch eingestellt, dass die Ohrgeräusche weiterhin noch wahrgenommen werden. Dies ist der gravierende Unterschied.

Man muss jedoch vor überzogenen Erwartungen warnen. Hier wird zur Zeit in den Medien und auch durch die Werbung von einer neuen Wunderwaffe gegen den Tinnitus gesprochen. Dies ist bei diesen Rauschgeräten nicht der Fall. Sie sind nur ein Teil der Tinnitus- Retraining-Therapie und nur zusammen mit den anderen Behandlungssäulen können sie zu einer wirksamen Waffe gegen den Tinnitus werden. Keinesfalls sollten sie einzeln für sich getragen werden, ohne eine begleitende Retraining- Therapie. Vor Beginn jeder Behandlung muss vom Ohrenspezialisten entschieden werden, wie das therapeutische Geräusch am besten eingesetzt wird. Gewöhnlich ist die Versorgung mit einem Geräuschgerät auf einem Ohr (dem Tinnitus Ohr) ausreichend. Es gibt jedoch nicht wenige Autoren, die eine beidohrige Versorgung empfehlen. Der Noiser wird dem Ohr angepasst, wobei hier verschiedene Geräte möglich sind:  

1.Das Hinter-dem-Ohr-Gerät:

Vorteil: Guter Sitz, offene Otoplastik ohne Verschluss des Gehörganges möglich. 

Nachteil: Bei kurzem Haarschnitt auffälliger zu tragen als andere Hörgeräte.  

2. Das Im-Ohr-Gerät:                                                                                   

Vorteil: Sitz direkt im Gehörgang, bei kurzem Haarschnitt diskreter. Schallaufnahme direkt in der Concha (Ohrmuschel).

Nachteil: Verschließt auch bei bester Anpassung den Gehörgang fast vollständig, so dass hier eigentlich gegen das Retraining gearbeitet wird.  

3. Das Cymba-Concha-Gerät:

Vorteil: Das Gerät lässt sich in der Ohrmuschel regelrecht verstecken. Eine offene Versorgung ist möglich, lediglich ein kleiner durchsichtiger Plastikschlauch führt in den Gehörgang hinein. Der Gehörgang bleibt somit unverschlossen.

Nachteil: Bei genauem Hinsehen kann man das hautfarbene Gerät entdecken. Eventuell unkomfortabler Sitz, da nicht individuell angefertigt.  

Hier noch einmal ein wichtiger Hinweis:  

Um das normale Hören des Ohres nicht zu beeinträchtigen, darf der Gehörgang nicht durch Geräte verschlossen werden. Die Kommunikation und die Aufnahme von Außengeräuschen darf keinesfalls eingeschränkt werden, wie es sonst zu gegenteiligen Wirkungen kommen kann. Aus diesem Grunde sind eigentlich nur Hinter­dem-Ohr-Geräte oder Cymba-Concha­Geräte zu empfehlen.

Der Noiser wird dem Ohr angepasst und muss nun mindestens 6 - 8 Stunden/Tag getragen werden. Bei der Einstellung des Noiser ist darauf zu achten, dass das Weiße Rauschen zunächst auf ein Level eingestellt werden soll, das über der Hörschwelle, aber unterhalb der Tinnitus Lautstärke liegt. Konkreter heißt das, wenn der Patient in ruhiger Umgebung ein leises Rauschen gerade eben wahrnimmt, dann ist das Gerät gut eingestellt. In anderen Worten: Der Noiser muss gerade hörbar sein, er darf Gespräche nicht stören, darf nicht unangenehm sein und den Tinnitus nicht überdecken.

Unter dem Tragen des Geräuschgerätes erscheint mit der Zeit der Tinnitus nicht mehr so laut, und das auch in Zeiten, in denen das Gerät nicht getragen wird. Der bestmögliche Effekt wird jedoch erst bei einer Behandlung von 1 - 2 Jahren erreicht.  

Die Seele und Tinnitus

Die Tinnitus-Retraining-Therapie ist neben der HNO-ärztlichen Therapie und der Therapie mit dem Geräuschgerät an die psychosomatische Therapie gebunden, die sozusagen den inneren Anteil der Retraining - Therapie darstellt.

Tinnitus-Retraining heißt auf der seelischen Ebene, dass wir wieder einen positiven Zugang zu unserem Hören finden und mit dem Tinnitus Geräusch unseren persönlichen Frieden schließen können. Diesen inneren Schritt nimmt uns das Geräuschgerät nicht ab. Es ist also notwendig, wenn die "alte Stille" so nicht mehr erreichbar ist, einen neuen Zugang zur möglichen inneren Stille zu finden. Es ist wichtig, dass wir auf das hören und uns dem stellen, was innerlich laut scheint und einen ganz persönlich geeigneten Umgang damit suchen. Dazu brauchen wir therapeutische Unterstützung, denn oft ist das Nach-Innen-hören und -schauen selbst angstbesetzt und braucht Unterstützung. Oft empfinden wir erst durch den Tinnitus, dass etwas in unserem Leben nicht in Ordnung ist. Insofern liegt im Tinnitus, wie oft im Leid auch, eine Chance.

In der Therapie einer 28jährigen Patientin z. B., die seit 10 Jahren an Tinnitus litt, stellte sich heraus, dass sie in ihrem Tinnitus, unter dem sie sehr litt, einen unverzichtbaren Begleiter hatte, dessen ständige Gegenwart sie daran hinderte, einen tieferen Schmerz und eine tiefere Wut gegenüber ihrer Mutter zu spüren. Manchmal also kann der Tinnitus einen tieferen seelischen Schmerz maskieren, und nach dessen Auflösung kann der Betroffene mit dem Symptom besser und weitaus angstfreier umgehen.

Manchmal ist der Tinnitus aber auch ein unbequemer Begleiter, der sich plötzlich in das eigene Leben eingeschlichen und eingemischt hat, ohne dass sich ein tieferer seelischer Grund finden ließe. Dann ist es wichtig, dass wir lernen, ihm so wenig Beachtung wie möglich zu schenken.

Andere Betroffene befürchten, mit dem Tinnitus ihre Fähigkeit zur Stille verloren zu haben; dann ist es wichtig, dass sie wieder einen Zugang zur inneren Stille finden.

Soweit wir heute über die seelisch-körperlichen Bedingungen des Tinnitus Erlebens wissen, kommen folgende den Tinnitus auslösende bzw. verstärkende Zusammenhänge in Betracht:  

1. Körperlicher und emotionaler Stress kann den Tinnitus verstärken oder als Symptom zur Auslösung bringen. Wir wissen, dass es über psychische und körperliche Stress-Reaktionen zu Veränderungen im Körper kommt, die sowohl die Wahrnehmung wie auch die körperliche Bereitschaft zum Tinnitus erstaunlich erhöhen. Diese Veränderungen reichen neben der Veränderung des emotionalen Haushaltes und der großen Kreislaufregulation wahrscheinlich bis in Veränderungen der Innenohrflüssigkeit (Endolymphe). Wir stellen fest, dass mit dem Tinnitus eine Störung des Reizfilters nach Außen und noch Innen verbunden ist.

2. Unsere Gefühle bestimmen die Wahrnehmung unserer Umwelt wie unseres Selbst. Dementsprechend unterliegt unsere Selbstwahrnehmung auch unseren Einstellungen und unserem Denken über uns selbst, über unsere Lebenssituation und unsere Beziehungswelt, über unsere Gesundheit und unsere körperlichen Empfindungen. Ein hoher Prozentsatz der Tinnitus­ Leidenden hat seelische Störungen, die ihre Gefühlswelt wesentlich mit Angst und Depression belasten.  

Zur gezielten psychosomatischen Therapie des Tinnitus gehört ausreichende Information und ein spezielles kognitives Training, welches die automatischen Gedanken- und Fühlmuster, die sich mit dem Tinnitus verbinden, bewusst macht. Die Betroffenen lernen, alte negative Gedanken in eine positive und hilfreiche Einstellung gegenüber dem Tinnitus zu wandeln. Sie lernen, den Tinnitus anders im Gesamtkontext ihres Lebens zu bewerten und wenig hilfreiche Gefühle zu lenken. Dazu gehört auch eine konsequente Selbsteinschätzung mittels Tinnitus Tagebuch.

ACHTSAMKEITS - MEDITATION

Die grundlegende Stille

  • Augen schließen, durch die Nase einatmen, durch den Mund ausatmen, Zunge liegt am Grund.

  • Sie öffnen sich der inneren Wahrnehmung und lauschen noch innen. Dabei fokussieren Sie die Wahrnehmung auf das Hören. Sie nehmen zunächst alle äußeren Geräusche wahr und lassen sie in ihrer Unterschiedlichkeit zu.
     

  • Sie konzentrieren sich jetzt auf ihre Hörwahrnehmung nehmen die Unterschiede zwischen außen und innen in sich auf. Lassen Sie alle Geräusche in sich aufsteigen, alle Töne, die von außen und von innen in die Wahrnehmung kommen, sich ausbreiten wie ein Teppich aus Tönen und Geräuschen.  

  • Gehen Sie - wenn der Geräuschteppich klar wahrgenommen wird - mit der Achtsamkeit noch unten in den Bauch und tauchen Sie in einen dunklen Grund der Stille ein. Der Teppich der Geräusche und Töne bleibt weiter in der Wahrnehmung oberhalb des Grundes der Stille. Lassen Sie als inneres Bild einen dunkelblauen Ozean im Bauch entstehen und mit der grundlegenden Stille verbinden. Die untere Wahrnehmung im Bauchzentrum wird von der Stille getragen. Bleiben Sie in dieser Achtsamkeitsmeditation über einige Minuten.  

  • Dann atmen Sie zum Abschluss ganz bewusst ein und heben die Arme vor dem Oberkörper, die Handflächen noch oben gerichtet, Fingerspitzen zeigen aufeinander zu, bis kurz über den Kopf, wenden die Hände mit den Handinnenflächen zum Körper noch unten und schieben mit dem Ausatmen durch die Nase die Hände parallel nach unten bis zum Bauchzentrum 

Innere seelische Anspannung und körperliche Verspannungen bzw. Blockierungen erhöhen unsere Krankheitsempfänglichkeit und verstärken schon bestehende körperliche und psychische Symptome. Deshalb sind Entspannungsübungen hilfreich und unterstützen die anderen Therapieansätze innerhalb der Tinnitus–Retraining-Therapie. Die Patienten lernen, durch Entspannung ihre Körperwahrnehmungen zu erweitern und diese für einen heilsamen Umgang mit sich selbst einzusetzen. In den letzen Jahren hat sich in Deutschland bei der Tinnitus - Therapie ein offenbar entscheidender Wandel vollzogen. Die Suche nach immer neuen, den Tinnitus abtötenden Pillen war erfolglos geworden. Durchblutungsfördernde Maßnahmen und die Sauerstoffüberdruck-Behandlung erbrachten nur in der Frühphase des Tinnitus Erfolg. Nach den neuesten Erkenntnissen gelingt es durch Gewöhnungsprozesse, das störende Geräusch aus der Wahrnehmung verschwinden zu lassen oder es in ein für uns unbedeutendes Hintergrundgeräusch umzuwandeln. Diese neuen therapeutischen Konzepte, die eine Gewöhnung an die Ohrgeräusche fördern, werden unter dem Begriff Tinnitus–Retraining-Therapie zusammengefasst.

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit
Ihr
Lutz-Michael Schäfer
HNO-Arzt, Tinnitus-Abteilung

Animationen animierte Augen

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Aktualisiert: Juni 2010

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