Diagnostik bei
Tinnitus
Tinnitus -
Übersicht:
Tinnitus
Patienten gehören zu einer Patientengruppe bei der es notwendig ist, eine
ausführliche Anamnese und eine noch ausführlichere Diagnostik durchzuführen.
Dies verlangt viel Aufmerksamkeit und somit Zeit, die eine Routinepraxis kaum
aufzubringen vermag. Die Therapiemöglichkeiten sind durch teilweise fehlende
pathophysiologische Erkenntnisse begrenzt. Diagnostisch stehen verschiedene Möglichkeiten
offen, die im folgenden Text vorgestellt werden.
Summary
Tinnitus Diagnosis
Tinnitus patients
belong to the group of patients for whom it is necessary to carry out a
detailed anamnesis as well as diagnosis. These require a lot of attention, and
just time, which can hardly be found in routine medical practices. Therapy
possibilities are partially limited by missing pathophysiologic knowledge.
However, several diagnostic possibilities are available and are presented in
this article.
Einführung
Die
Therapie von Tinnitus ist gekennzeichnet durch das Fehlen fundierter
pathophysiologischer Erkenntnisse und damit den Mangel an Tinnitus
spezifischen Therapieformen. Die Vorschläge zur Diagnostik hingegen
erscheinen gut strukturiert.
Eine
gute Obersicht zeigt die Tinnitus Leitlinie 42 der Deutschen Gesellschaft für
Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und plastische Kopf-, Hals- und Gesichtschirurgie.
Diagnostik
Die
Diagnostik soll einerseits dem Versuch einer möglichen Klassifikation des
Tinnitus dienen, andererseits ist die Diagnostik natürlich auch die Grundlage
für die Beratung und die Therapie des Patienten. Im Hinblick auf das unter
Kostengesichtspunkten Mögliche und medizinisch Notwendige muss dabei zwischen
dem Notwendigen sowie der im Einzelfall nützlichen Diagnostik unterschieden
werden. Dabei sollte man nicht in Form eines bei jedem Patienten starr
abzuarbeitenden Schemas vorgehen, sondern ein vorwiegend durch Anamnese und
Basisdiagnostik bestimmter individueller Zugang gewählt werden.
Klassifikation
Eine
Einteilung kann nach dem Entstehungsmechanismus, dem Ort der Verursachung, dem
Heilverlauf und auch den Auswirkungen des Tinnitus geschehen. Auch hier
erkennen wir schon die Schwierigkeit in der Allgemeinarztpraxis relativ
schnell, den Tinnitus zu klassifizieren, um dann eine zielgerichtete Therapie
zu beginnen.
Andererseits
ist die Klassifikation unbedingt wichtig, da sie Einfluss auf die Diagnostik
und anschließend auf die Therapie haben soll.
Folgende Definitionen sollen dabei
Verwendung finden:
a)
Entstehungsmechanismus: objektiv - subjektiv
Objektiv:
Es existiert eine körpereigene
physikalische Schallquelle in der Nähe des Ohres, deren Schallaussendungen
gehört werden (z. B. gefäß- oder muskelbedingte Schallgeräusche).
Subjektiv: Es liegt eine fehlerhafte Informationsbildung
im auditorischen
(=
das Gehör betreffende) System ohne Einwirkung eines akustischen Reizes vor. b) Ort der Entstehung: äußeres Ohr - Mittelohr - Innenohr - Hörnerv - zentrales auditorisches System c) Zeitverlauf: akut - subakut - chronisch
Akut: besteht weniger als 3 Monate /
Subakut: besteht zwischen 3 Monaten
und 1 Jahr / Chronisch: besteht länger als 1 Jahr
d) Sekundäre Symptomatik:
kompensiert dekompensiert.
Kompensiert:
Der Patient registriert den Tinnitus, kann jedoch so damit umgehen, dass zusätzliche
Symptome nicht auftreten. Es besteht kein oder nur geringer Leidensdruck, Die
Lebensqualität ist nicht wesentlich beeinträchtigt.
Dekompensiert:
Der Tinnitus hat massive Auswirkungen auf sämtliche Lebensbereiche und führt
zur Entwicklung einer Sekundärsymptomatik (Angstzustände, Schlafstörungen,
Konzentrationsstörungen,
Depressionen).
Es besteht hoher Leidensdruck. Die Lebensqualität ist wesentlich beeinträchtigt.
Depressionen und andere psychische Störungen können andererseits die Ursache
von Tinnitus sein.
Tinnitus
stellt ein Symptom unterschiedlicher Ursache dar. Neben den otogenen
(=
vom Ohr ausgehenden) Ursachen
müssen zusätzliche andere außerhalb des Ohrs gelegene Auslöser und Verstärkungsfaktoren
jeweils individuell ermittelt oder ausgeschlossen werden.
Anamnese Der Anamnese kommt auch hier im Rahmen des Arzt-Patienten-Kontaktes eine entscheidende Bedeutung zu. Sie ist nach wie vor auch hier die Grundlage der Diagnostik und ermöglicht eine schnelle Form der Entscheidung und der Veranlassung der im Einzelfall sofort erforderlichen oder später erforderlichen nützlichen Diagnostik. Gleichzeitig erlaubt sie eine Einschätzung der Schwere und des Belastungsgrades sowie der Sekundärsymptomatik.
Folgende
Frage sind relevant:
Der
Hausarzt nimmt die primäre Anfangsdiagnostik vor und verfügt über ein großes
Repertoire hausärztlicher und Primärmaßnahmen. Er ist Koordinator der nun
anstehenden interdisziplinären Maßnahmen. In dieser Funktion ist seine persönliche
Patientenkenntnis sehr hilfreich.
Er
muss aber auch die weiteren interdisziplinären Schritte einleiten. Hier zählt
als zunächst wichtigster Schritt die Überweisung zum HNO-Arzt.
Optimalerweise
erfolgt dann nach Konsilium mit diesem die weitere Veranlassung von
neurologischen, orthopädischen, gnathologischen, labordiagnostischen oder
anderen Maßnahmen.
Lassen
Sie mich an dieser Stelle noch einmal betonen, wie wichtig die gute
Zusammenarbeit zwischen dem HNO-Arzt und dem Hausarzt ist. Wenn diese
Zusammenarbeit reibungslos funktioniert, dann können viele
Mehrfachuntersuchungen vermieden werden. Die Patientenführung gewinnt eine
ganz andere Qualität und das für
beide Seiten befürchtete Ärzte-Hopping
bleibt aus - ganz zu schweigen vom Ergreifen fragwürdiger anderer
medizinischer Heil- und Hilfsberufe.
Meine
persönliche Überzeugung - und das betrifft auch die Arbeit sowohl in der
Klinik als auch in der Praxis - ist eine kurze Befundübermittlung oder besser
noch das kurze kollegiale Telefongespräch, bei dem die weiteren Maßnahmen
gemeinsam festgelegt werden.
Eine
besondere Bedeutung erhält die Funktion des Hausarztes auch bei der
Begleitung des chronischen Tinnitus Patienten.
Diagnostischer Stufenplan:
Hausarzt
HNO-Arzt
Hierbei
ist zu bedenken, dass bei allen audiometrischen Untersuchungsmethoden, die
hohe Schallpegel verwenden (Tympanometrie und Stapediusreflexmessung,
Hirnstammaudiometrie [BERA], Sprachaudiometrie und überschwellige Hörtests)
ein Mindestabstand zwischen dem Auftreten des Tinnitus und der Durchführung
der Untersuchung eingehalten werden, da hier die Gefahr
eines zusätzlichen Lärmschadens besteht. Hier muss der behandelnde
Arzt individuell entscheiden,
ob dies 1 Woche oder ggf. auch etwas länger Zeit hat.
Bei
bestehender Hyperakusis
(=
Übersteigerung der Hörschärfe / krankhafte Feinhörigkeit) müssen
die Patientin vor Beginn der audiometrischen Untersuchung darauf hingewiesen
werden, dass sie unangenehme Empfindungen beim Hören melden müssen.
Im Einzelfall nützlich
Nützliche
Diagnostik sollte individuell nach den Ergebnissen der Grundanamnese und der
Basisdiagnostik festgelegt werden. Die Diagnostik muss dabei medizinisch
sinnvoll und ökonomisch im vertretbaren Rahmen liegen und sollte im
Wesentlichen der weiteren zur ätiologischen Abklärung, Beratung und Therapie
beitragen.
Gnathologische
Untersuchung: bei Hinweis auf Störungen im Kauapparat.
Dopplersonographie
der hirnversorgenden Arterien (extra- und transkraniell): bei Hinweis auf
objektive Ohrgeräusche oder Zeichen einer zerebralen Durchblutungsstörung,
insbesondere bei Kopfdrehen.
Labordiagnostik:
Internistische
Untersuchung:
bei
Verdacht auf Erkrankung im Bereich von Herz, Kreislauf, Stoffwechsel oder
rheumatischer Erkrankung.
Psychologische
Diagnostik: sinnvoll bei Bejahung der Frage »Ist der Tinnitus quälend?«
oder »Ist der Tinnitus tagsüber entnervend und immer da?« (Nicht sinnvoll,
wenn der Tinnitus tagsüber kaum bemerkt bzw. nur in Stille wahrgenommen wird
und der Belästigungsgrad gering ist.)
Zur
Erfassung des Schweregrades sowie möglicher Sekundärsymptome eignet sich
auch sehr gut ein standardisiertes Kurzinterview, wie wir es am Ende des
Artikels angegeben haben. Hierbei ist die quantitative Erfassung der
subjektiven Lautheit und des Belästigungsgrades durch visuelle Analogskalen möglich.
Dies kann nicht nur zur Diagnostik, sondern auch zur Verlaufs- und
Therapiekontrolle eingesetzt werden.
Die
Diagnostik der Begleitstörungen beim chronischen Tinnitus sollte sich im
Wesentlichen an den aktuellen Beschwerden des Patienten im Zusammenhang mit
seinem Tinnitus orientieren.
Gerade
beim dekompensierten chronischen Tinnitus ist eine psychologische Diagnostik
entscheidend. Diese psychologische Diagnostik sollte jedoch von einem/ einer
in der Tinnitus-Diagnostik und -therapie erfahrenen
Psychologen/Psychologin/Facharzt für Psychosomatische Medizin durchgeführt
werden.
Aus
dieser Diagnostik kann dann wiederum im Einzelfall ein psychologischer bzw.
psychotherapeutischer Therapieansatz resultieren.
Tinnitus
Kritische
Schlussbetrachtung
Beim
Schreiben dieses Artikels fällt mir natürlich auf, dass ich in meiner
Funktion im Rahmen der Klinik selbstverständlich die Zeit habe, solche so
genannten »sauberen« Anamnesen und Diagnostikverfahren durchzuführen. Ich
denke jedoch andererseits über die Hektik in meiner alltäglichen
Routinepraxis nach und überlege mit Schrecken, wie ich all diese
diagnostischen Schritte und Maßnahmen in kurzer Zeit umsetzen soll. Dies wird
nur schwer möglich sein.
Es
bleibt dabei: Tinnitus - Patienten sind sicherlich »schwierige« Patienten,
die uns unsere ganze Aufmerksamkeit und auch viel Zeit abverlangen. Da wir
diese Zeit häufig im Rahmen unser
Routinepraxen gar nicht aufbieten
können, wird es immer wieder dazu kommen, dass Patienten uns den Rücken
kehren und zu irgendwelchen fragwürdigen selbsternannten Heilern wandern, die
eigentlich nichts anderes machen als ihnen wenigstens zuzuhören. Eine kurzfristige umzusetzende Entlastungsmöglichkeit stellen die standardisierten Fragebogen und der Tinnitus-Fahrplan dar. Langfristig habe ich jedoch nur einen Ausweg aus der zeitintensiven Diagnostik und Betreuung der Tinnitus - Patienten anzubieten. Hier wäre die Gründung von so genannten Kompetenzzentren vor Ort ratsam. Diese könnten im Rahmen von Tinnitus Ambulanzen und unter Einbeziehung der Allgemeinärzte, der HNO-Ärzte und ggf. anderer Fachkollegen, die Tinnitus Patienten auffangen, Patienten fuhren, diagnostische und therapeutische Programme in der Zusammenarbeit anbieten und damit letztendlich uns in unserer alltäglichen Arbeit entlasten. Hier wäre ein kritischer, kollegialer und interdisziplinärer Dialog wünschenswert.
Mit
den besten Wünschen für Ihre Gesundheit
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unsere Chefärztin im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
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