Logo der Habichtswald-Klinik     HABICHTSWALDKLINIK
           Klinik für Ganzheitsmedizin und Naturheilkunde                                           Psychosomatische Abteilung

                      34131 Kassel - Bad Wilhelmshöhe

                  Informationen zu Krankheiten
Weitere Medizinische Informationen und Links - speziell auch von
                                   
der Inneren Abteilung der Habichtswaldklinik -  klicken Sie hier

Ohrgeräusche und Diagnostik


Ohrgeräusche:

Patienten mit Ohrgeräusche n gehören zu einer Patientengruppe bei der es notwendig ist, eine ausführliche Anamnese und eine noch ausführlichere Diagnostik durchzuführen. Dies verlangt viel Aufmerksamkeit und somit Zeit, die eine Routinepraxis kaum aufzubringen vermag. Die Therapiemöglichkeiten sind durch teilweise fehlende pathophysiologische Erkenntnisse begrenzt. Diagnostisch stehen verschiedene Möglichkeiten offen, die im folgenden Text vorgestellt werden.  

Tinnitus Diagnosis

Tinnitus patients belong to the group of patients for whom it is necessary to carry out a detailed anamnesis as well as diagnosis. These require a lot of attention, and just time, which can hardly be found in routine medical practices. Therapy possibilities are partially limited by missing pathophysiologic knowledge. However, several diagnostic possibilities are available and are presented in this article.  

Einführung  

Die Therapie bei Ohrgeräusche n ist gekennzeichnet durch das Fehlen fundierter pathophysiologischer Erkenntnisse und damit den Mangel an Ohrgeräusche spezifischen Therapieformen. Die Vorschläge zur Diagnostik hingegen erscheinen gut strukturiert.

Eine gute Obersicht zeigt die Tinnitus Leitlinie 42 der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und plastische Kopf-, Hals- und Gesichtschirurgie. Diese kann über www.uni-duesseldorf.de/AWMF/II/index abgefragt werden.  

Diagnostik  

Die Diagnostik soll einerseits dem Versuch einer möglichen Klassifikation der Ohrgeräusche dienen, andererseits ist die Diagnostik natürlich auch die Grundlage für die Beratung und die Therapie des Patienten. Im Hinblick auf das unter Kostengesichtspunkten Mögliche und medizinisch Notwendige muss dabei zwischen dem Notwendigen sowie der im Einzelfall nützlichen Diagnostik unterschieden werden. Dabei sollte man nicht in Form eines bei jedem Patienten starr abzuarbeitenden Schemas vorgehen, sondern ein vorwiegend durch Anamnese und Basisdiagnostik bestimmter individueller Zugang gewählt werden.  

Klassifikation  

Eine Einteilung kann nach dem Entstehungsmechanismus, dem Ort der Verursachung, dem Heilverlauf und auch den Auswirkungen der Ohrgeräusche geschehen. Auch hier erkennen wir schon die Schwierigkeit in der Allgemeinarztpraxis relativ schnell, die Ohrgeräusche zu klassifizieren, um dann eine zielgerichtete Therapie zu beginnen.

Andererseits ist die Klassifikation unbedingt wichtig, da sie Einfluss auf die Diagnostik und anschließend auf die Therapie haben soll.  

Folgende Definitionen sollen dabei Verwendung finden:

a) Entstehungsmechanismus: objektiv - subjektiv

Objektiv: Es existiert eine körpereigene physikalische Schallquelle in der Nähe des Ohres, deren Schallaussendungen gehört werden (z. B. gefäß- oder muskelbedingte Schallgeräusche).

Subjektiv: Es liegt eine fehlerhafte Informationsbildung im auditorischen (= das Gehör betreffende) System ohne Einwirkung eines akustischen Reizes vor.

b) Ort der Entstehung: äußeres Ohr - Mittelohr - Innenohr - Hörnerv - zentrales auditorisches System

c) Zeitverlauf: akut - subakut - chronisch 

    Akut: besteht weniger als 3 Monate / Subakut: besteht zwischen 3 Monaten und 1 Jahr / Chronisch: besteht länger als 1 Jahr

d) Sekundäre Symptomatik: kompensiert  dekompensiert.  

Kompensiert: Der Patient registriert die Ohrgeräusche, kann jedoch so damit umgehen, dass zusätzliche Symptome nicht auftreten. Es besteht kein oder nur geringer Leidensdruck, Die Lebensqualität ist nicht wesentlich beeinträchtigt.

Dekompensiert: Die Ohrgeräusche haben massive Auswirkungen auf sämtliche Lebensbereiche und führen zur Entwicklung einer Sekundärsymptomatik (Angstzustände, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Depressionen). Es besteht hoher Leidensdruck. Die Lebensqualität ist wesentlich beeinträchtigt. Depressionen und andere psychische Störungen können andererseits die Ursache der Ohrgeräusche sein.

Ohrgeräusche stellen ein Symptom unterschiedlicher Ursache dar. Neben den otogenen (= vom Ohr ausgehenden) Ursachen müssen zusätzliche andere außerhalb des Ohrs gelegene Auslöser und Verstärkungsfaktoren jeweils individuell ermittelt oder ausgeschlossen werden.  

Anamnese  

Der Anamnese kommt auch hier im Rahmen des Arzt-­Patienten-Kontaktes eine entscheidende Bedeutung zu. Sie ist nach wie vor auch hier die Grundlage der Diagnostik und ermöglicht eine schnelle Form der Entscheidung und der Veranlassung der im Einzelfall sofort erforderlichen oder später erforderlichen nützlichen Diagnostik. Gleichzeitig erlaubt sie eine Einschätzung der Schwere und des Belastungsgrades sowie der Sekundärsymptomatik.

Folgende Frage sind relevant:

  • Wie lange bestehen die Ohrgeräusche (akut - subakut - chronisch)?

  • Können die Ohrgeräusche durch Umweltgeräusche maskiert werden?

  • Besteht zusätzlich eine Hörminderung?

  • Sind die Ohrgeräusche zusammen mit der Hörminderung aufgetreten?

  • Werden die Ohrgeräusche durch Anspannung, Aufregung oder psychische Belastung verstärkt?

  • Werden die Ohrgeräusche durch körperliche Aktivitäten beeinflusst? Ändert sich das Ohrgeräusch bei bestimmten Kopfhaltungen?

  • Werden die Ohrgeräusche durch bestimmte Speisen oder Getränke verändert?

  • Bestehen zusätzliche Krankheiten (Herz, Kreislauf, Stoffwechsel, Halswirbelsäule, gnathologisches System (= vom Kiefer ausgehend))?

  • Medikamenteneinnahme

  • Sind die Ohrgeräusche belastend oder quälend?

  • Verursachen die Ohrgeräusche Konzentrationsstörungen? Treten Schlafstörungen auf?
    a) Einschlafstörungen
    b) Durchschlafstörungen

  • Wird die Lebensqualität durch die Ohrgeräusche entscheidend beeinflusst?

Der Hausarzt nimmt die primäre Anfangsdiagnostik vor und verfügt über ein großes Repertoire hausärztlicher und Primärmaßnahmen. Er ist Koordinator der nun anstehenden interdisziplinären Maßnahmen. In dieser Funktion ist seine persönliche Patientenkenntnis sehr hilfreich.

Er muss aber auch die weiteren interdisziplinären Schritte einleiten. Hier zählt als zunächst wichtigster Schritt die Überweisung zum HNO-Arzt.

Optimalerweise erfolgt dann nach Konsilium mit diesem die weitere Veranlassung von neurologischen, orthopädischen, gnathologischen, labordiagnostischen oder anderen Maßnahmen.

Lassen Sie mich an dieser Stelle noch einmal betonen, wie wichtig die gute Zusammenarbeit zwischen dem HNO-Arzt und dem Hausarzt ist. Wenn diese Zusammenarbeit reibungslos funktioniert, dann können viele Mehrfachuntersuchungen vermieden werden. Die Patientenführung gewinnt eine ganz andere Qualität und das für beide Seiten befürchtete Ärzte-Hopping bleibt aus - ganz zu schweigen vom Ergreifen fragwürdiger anderer medizinischer Heil- und Hilfsberufe.

Meine persönliche Überzeugung - und das betrifft auch die Arbeit sowohl in der Klinik als auch in der Praxis - ist eine kurze Befundübermittlung oder besser noch das kurze kollegiale Telefongespräch, bei dem die weiteren Maßnahmen gemeinsam festgelegt werden.

Eine besondere Bedeutung erhält die Funktion des Hausarztes auch bei der Begleitung der chronischen Ohrgeräusche ­ Patienten.  

Diagnostischer Stufenplan:  

Hausarzt

  • Anamnese (s. beigefügter Anamnesebogen)

  • Routinemäßige körperliche Untersuchung

  • Bei akuten Ohrgeräusche n spätestens am folgenden Tag zum HNO-Arzt, bei entsprechender Schwere der Symptomatik ggf. auch neurologisch/psychologisch/ psychiatrisch sowie umgehende Einleitung der erforderlichen Therapie - ggf. stationäre Aufnahme

  • Bei chronischen Ohrgeräusche n hausärztliche, HNO-ärztliche und neurologsiche / psychologische / psychiatrische Evaluation, Feststellung der Arbeitsfähigkeit, Therapiebedarf, Therapieplan

HNO-Arzt  

  • HNO-ärztliche Untersuchung mit Trommelfellmikroskopie, Nasopharyngoskopie, Prüfung der Tubendurchgängigkeit

  • Auskultation der Arteria carotis sowie Abhören des Gehörganges bei pulssynchronen Ohrgeräusche n

  • Tonschwellenaudiometrie

  • Unbehaglichkeitsschwelle

  • Tinnitus-Matching: Bestimmung der Lautheit und der Frequenzcharakteristik der Ohrgeräusche

  • Tympanometrie und Stapediusreflexe

  • Otoakustische Emissionen

  • Hirnstammaudiometrie

  • Orientierende Untersuchungen des Vestibularissystemes, der Halswirbelsäule und des Gebisses sowie des Kauapparates

Hierbei ist zu bedenken, dass bei allen audiometrischen Untersuchungsmethoden, die hohe Schallpegel verwenden (Tympanometrie und Stapediusreflexmessung, Hirnstammaudiometrie [BERA], Sprachaudiometrie und überschwellige Hörtests) ein Mindestabstand zwischen dem Auftreten der Ohrgeräusche und der Durchführung der Untersuchung eingehalten werden, da hier die Gefahr eines zusätzlichen Lärmschadens besteht. Hier muss der behandelnde Arzt individuell entscheiden, ob dies 1 Woche oder ggf. auch etwas länger Zeit hat.

Bei bestehender Hyperakusis (= krankhafte Feinhörigkeit) müssen die Patientin vor Beginn der audiometrischen Untersuchung darauf hingewiesen werden, dass sie unangenehme Empfindungen beim Hören melden müssen.  

Im Einzelfall nützlich  

Nützliche Diagnostik sollte individuell nach den Ergebnissen der Grundanamnese und der Basisdiagnostik festgelegt werden. Die Diagnostik muss dabei medizinisch sinnvoll und ökonomisch im vertretbaren Rahmen liegen und sollte im Wesentlichen der weiteren zur ätiologischen Abklärung, Beratung und Therapie beitragen.

Gnathologische Untersuchung: bei Hinweis auf Störungen im Kauapparat.

Dopplersonographie der hirnversorgenden Arterien (extra- und transkraniell): bei Hinweis auf objektive Ohrgeräusche oder Zeichen einer zerebralen Durchblutungsstörung, insbesondere bei Kopfdrehen.
Hochauflösendes Computertomogramm der Felsenbeine: zum Nachweis von ossären (= die Knochen betreffende) Destruktionen, entzündlichen Vorgängen und Missbildungen des Felsenbeines. Kernspintomographie des Schädels: bei retrokochleären Schäden in der BERA oder einseitiger Taubheit, Hinweise auf zentral - auditorisches Geschehen oder neurologischer Erkrankung.
Digitale Subtraktionsangiographie des cerebrovaskularen Systems: bei pulssynchronen Ohrgeräusche n.

Labordiagnostik:

a)
   Infektionsserologie: Borreliose, HIV, Lues
b)   Immunpathologie: Immunglobuline, Rheumafaktoren, gewebsspezifische Antikörper
c)   Liquordiagnostik: bei Hinweis auf entzündlichen Prozess des ZNS
d)   Stoffwechsel: Blutzucker, Blutfette, Leberenzyme, Schilddrüsenhormone
e)   Blutbild
 

Internistische Untersuchung:

bei Verdacht auf Erkrankung im Bereich von Herz, Kreislauf, Stoffwechsel oder rheumatischer Erkrankung.

Psychologische Diagnostik:

sinnvoll bei Bejahung der Frage »Sind die Ohrgeräusche quälend?« oder »Sind die Ohrgeräusche tagsüber entnervend und immer da?« (Nicht sinnvoll, wenn die Ohrgeräusche tagsüber kaum bemerkt bzw. nur in Stille wahrgenommen werden und der Belästigungsgrad gering ist.)

Zur Erfassung des Schweregrades sowie möglicher Sekundärsymptome eignet sich auch sehr gut ein standardisiertes Kurzinterview, wie wir es am Ende des Artikels angegeben haben. Hierbei ist die quantitative Erfassung der subjektiven Lautheit und des Belästigungsgrades durch visuelle Analogskalen möglich. Dies kann nicht nur zur Diagnostik, sondern auch zur Verlaufs- und Therapiekontrolle eingesetzt werden.

Die Diagnostik der Begleitstörungen beim chronischen Tinnitus sollte sich im Wesentlichen an den aktuellen Beschwerden des Patienten im Zusammenhang mit seinem Tinnitus orientieren.

Gerade bei dekompensierten chronischen Ohrgeräusche n ist eine psychologische Diagnostik entscheidend. Diese psychologische Diagnostik sollte jedoch von einem/ einer in der Tinnitus-Diagnostik und -therapie erfahrenen Psychologen/Psychologin/Facharzt für Psychosomatische Medizin durchgeführt werden.

Aus dieser Diagnostik kann dann wiederum im Einzelfall ein psychologischer bzw. psychotherapeutischer Therapieansatz resultieren.  

Ohrgeräusche  

Kritische Schlussbetrachtung  

Beim Schreiben dieses Artikels fällt mir natürlich auf, dass ich in meiner Funktion im Rahmen der Klinik selbstverständlich die Zeit habe, solche so genannten »sauberen« Anamnesen und Diagnostikverfahren durchzuführen. Ich denke jedoch andererseits über die Hektik in meiner alltäglichen Routinepraxis nach und überlege mit Schrecken, wie ich all diese diagnostischen Schritte und Maßnahmen in kurzer Zeit umsetzen soll. Dies wird nur schwer möglich sein.

Es bleibt dabei: Patienten mit Ohrgeräusche n sind sicherlich »schwierige« Patienten, die uns unsere ganze Aufmerksamkeit und auch viel Zeit abverlangen. Da wir diese Zeit häufig im Rahmen unser Routinepraxen gar nicht aufbieten können, wird es immer wieder dazu kommen, dass Patienten uns den Rücken kehren und zu irgendwelchen fragwürdigen selbsternannten Heilern wandern, die eigentlich nichts anderes machen als ihnen wenigstens zuzuhören.

Eine kurzfristige umzusetzende Entlastungsmöglichkeit stellen die standardisierten Fragebogen und der Tinnitus-Fahrplan dar. Langfristig habe ich jedoch nur einen Ausweg aus der zeitintensiven Diagnostik und Betreuung der Patienten mit Ohrgeräusche n anzubieten. Hier wäre die Gründung von so genannten Kompetenzzentren vor Ort ratsam. Diese könnten im Rahmen von Tinnitus Ambulanzen und unter Einbeziehung der Allgemeinärzte, der HNO-Ärzte und ggf. anderer Fachkollegen, die Patienten mit Ohrgeräusche n auffangen, Patienten fuhren, diagnostische und therapeutische Programme in der Zusammenarbeit anbieten und damit letztendlich uns in unserer alltäglichen Arbeit entlasten. Hier wäre ein kritischer, kollegialer und interdisziplinärer Dialog wünschenswert.

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit
Ihr
Lutz-Michael Schäfer
HNO-Arzt, Tinnitus-Abteilung

Animationen animierte Augen

Weitere Medizinische Informationen und Links für Patienten und Interessierte - von Adoleszenzkrise bis Trauma finden Sie hier.

Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unsere Chefärztin im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.

Sagen Sie uns ruhig mal Ihre Meinung!
Oder stellen Sie Ihre Fragen -
klicken Sie uns hier an...

 

Sie möchten diesen Artikel ausdrucken? Markieren Sie den Text, gehen Sie in der Symbolleiste auf "Datei", dann auf "Drucken", danach "Markierung" anklicken und dann erst drucken, denn sonst verlieren Sie durch die nachfolgende Themenübersicht unnötiges Papier.

Aktualisiert: Juni 2010

Weitere Informationen zu Krankheiten finden Sie bei der Wicker-Gruppe unter www.informationen-zu-krankheiten.de. Info-Material zur Klinik anfordern: www.wicker-gruppe.de/infomaterial-anfordern.html

Weitere Fragen? Ihre Meinung? 
Schicken Sie uns eine Email

info@habichtswaldklinik.de

Telefon +49 (0) 56 1 - 31 08-  305, 327, 179 oder - 523
Telefax 31 08 - 106

Habichtswaldklinik

· Impressum· Anfahrt

Wigandstraße 1 · 34131 Kassel - Bad Wilhelmshöhe (Germany)
Telefon +49 (0) 56 1-3108-0 · Telefax 31 08 - 128

Servicetelefon 0800 / 8 90 11 00 · Info-Fax 0800 / 7 32 73 80

Haftungshinweis:
Für die gemachten Angaben wird keine Gewähr übernommen; im Einzelfall ist immer ein Arzt zu konsultieren! Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.